Wir müssen gar nichts tun, nur sein.

by Dirk Beckmann. Average Reading Time: about 2 minutes.

In Kalifornien ist man endgültig verrückt geworden. Die Sonne scheint dort immer. Das ist vielleicht der Grund dafür. Apple, die innovativste Firma der Welt, hat erst das weltweite Netz 2007 in unsere Hosentasche gesteckt. Dann 2010 aufs Sofa gebracht. Nun, getarnt als wunderschöne Uhr, kommt das Netz ganz dicht:

An mein Handgelenk.

Es soll alles besser, schneller und einfacher werden. Ich bin immer online und mit dem Hauch einer Geste sehe ich was passiert. Holen wir heute am Tag rund 100–200 Mal das Telefon aus der Tasche, um uns mit dem digitalen Rauschen zu beschäftigen, werden wir das ab 2015 drei Mal so oft tun.

Denn es ist nur eine leichte Geste notwendig. Eine neue Mail, schwups. Eine neue Nachricht, schwups. Ein Like, schwups. Und dabei muss die Uhr kein Geräusch mehr von sich geben. Sie tickt uns einfach an. Kommt eine Mail von Mama gibt es einen Klaps. Ist es eine Nachricht von der Geliebten streichelt die Uhr zärtlich.

Interaktiv ist die Uhr auch, aber nicht nur per Touch, wie wir es vom iPhone kennen. Wir müssen gar nichts tun, nur sein. Die Uhr vermißt uns. Und was wir leisten. Wege, Höhenunterschiede, den Puls und wahrscheinlich vieles mehr. Sie sammelt die Daten, vergleicht sie und bereitet sie auf. Geh doch noch ein Stück. Es ist gut für Dich.

Ist die durchschnittliche Konzentrationsspanne eines Wissensarbeiters heute in Minuten zu messen, werden es bald Sekunden sein. Insofern sollte man hoffen, dass bald auch ein Gerät meine Arbeit macht, denn ich kann das dann nicht mehr. In „The Circle“ muss Mae, die Hauptdarstellerin, irgendwann „gläsern“ werden. Also immer auf Sendung sein. Mit einer Kamera um den Hals. Es geht also noch näher. Doch wenn es soweit ist, besteht Arbeit daraus, dem digitalen Rauschen etwas hinzuzufügen. Zumindest sollte man uns spätestens dann dafür bezahlen, was anderes geht dann nicht mehr.

Die Uhr wird, da bin ich mir sicher, ein Erfolg werden. Ein Erfolg in der mittlerweile langen Geschichte von Erfolgen Apples. Ich gelte seit jeher als ein sogenannter Fanboy der Marke, würde ich doch ein Auto, einen Toaster und auch einen Staubsauger kaufen, nur weil er von Apple wäre. Also freue ich mich für Apple, denn sie haben bewiesen, dass sie es auch ohne Steve Jobs schaffen, neuartige Dinge zu entwickeln, die einfach anders sind.

Nur ich SELBST kann das Internet nicht noch näher an mich heran lassen.

Vielleicht überrascht uns Apple aber mit einer ganz anderen Strategie. Vielleicht sitzen die in der Hitze Kaliforniens und lachen sich kaputt. „Glauben die Leute wirklich, dass wir so ein Gerät auf den Markt bringen?“ sagt vielleicht Tim Cook zu Jony Ive. Und Jony so: „Naja, zuzutrauen ist es uns ja, also glauben es auch alle“. Tim: „Nur gut, dass wir einen ganz anderen Masterplan haben.“

Vielleicht ist der Masterplan von Apple, die Welt besser zu machen, indem sie Geräte wie die Apple Watch NICHT auf den Markt bringen, sondern die Welt davor beschützen. Anfang 2015 gibt es also eine Keynote in der sie verkünden: „Habt ihr wirklich gedacht, dass die Welt ein besserer Ort wäre, mit dem Internet am Handgelenk? Niemand hat die Absicht eine Uhr zu verkaufen.“

One comment on ‘Wir müssen gar nichts tun, nur sein.’

  1. Nicole Haase sagt:

    So geht die Geschichte nur aus, wenn die Bequemlichkeit nicht zu sehr reizt. Vielen gefällt sicherlich der Aspekt, das iPhone für Kurznachrichten nicht mehr aus der Hosentasche fummeln zu müssen. Wo das gute Stück ja bereits permanent ganz nah ist und allerhand Infos nach Hause funkt.
    Doch direkt den ganzen Tag auf Tuchfühlung bzw. Hautkontakt ist mir zu intim. Das lasse ich ja sonst bei niemandem zu.
    Da müsste schon mit sehr viel mehr Bequemlichkeit und Zeitersparnis gelockt werden.

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