Die Dinge verschwinden

by Dirk Beckmann. Average Reading Time: almost 6 minutes.

Die CD, die Zeitung, das Ticket, der Brief und viele andere Dinge verschwinden im Digitalen. Sie werden virtuell, flüchtig, und ungreifbar. Seit es die Menschen gibt ist alles echt, real und fassbar. Eine Axt, ein Speer, ein Buch, ein Brief oder ein Instrument. Doch in den letzten Jahren sind immer mehr Dinge im Begriff zu verschwinden. An ihre Stelle treten ihre virtuellen Statthalter, ihre Avatare, etwas, das nur aus Strom besteht und doch real sein will. Man kann die Musik immer noch hören und man kann auch immer noch lesen.

Jedes Lied ist schon da und ein Ticket ist nur noch ein Code, ein Film ein Link.

Aber der Zugang hat sich verändert. Man kann heute Millionen von Büchern in Sekunden an jedem Ort der Welt “laden” und sie lesen, jedes Lied ist schon da und ein Ticket ist nur noch ein Code, ein Film ein Link. Das Gerät auf dem man diesen Ladevorgang durchführt ist das einzige Objekt, das bleibt. Ein Grund sicherlich dafür, warum das Ziel der wertvollsten Firma der Welt der Verkauf von diesen Meta-Objekten ist.

Viele Geschäftsmodelle waren auf Logistik aufgebaut: Tageszeitungen haben Inhalte geschaffen, sie in Form gebracht und zum Leser transportiert. Musik wurde komponiert, aufgenommen und ebenfalls zum Hörer transportiert. Das Geld wurde mit der kompletten Wertschöpfungskette verdient, inklusive des Transportes eines Objektes an einen bestimmten Ort — meistens in einen Laden, in dem Kunden das Objekt kaufen konnten. Ein riesiger Aufwand, um z.B. ein Lied an den Mann oder an die Frau zu bringen. Alles musste zusammenspielen. Nicht umsonst nannte man die musikschaffenden Firmen Musikindustrie, denn es war eine gut geölte Maschine, die Popmusik produziert und eben auch distribuiert hat. Gleiches gilt für Zeitungen, Bücher und viele andere Bereiche.

Wir leben in einem Wandel, der im Begriff ist mehr und mehr dieser Objekte zu virtualisieren und damit zu etwas völlig Neuem zu machen. Ein Buch ist ein Stück Software, immer, überall verfügbar und ohne Kosten oder Qualitätsverlust zu reproduzieren. Auch von Piraten.

Es gibt keine Logistik oder Re-Produktionskosten mehr.

Vieles ist im Prinzip zu jeder Zeit, an jedem Ort und so oft man will verfügbar. Es gibt keine Logistik oder Re-Produktionskosten mehr. Die Musikindustrie ist schon lange unter Druck. Die Verlage ebenso. Tageszeitungen haben das Problem, dass sie ein Produkt von manchmal zweifelhafter Qualität nur deshalb verkaufen konnten, weil sie die Logistik im Griff hatten. Jeden Morgen ein Bündel Papier in tausende Briefkästen zu befördern reichte oft, um sein Geld zu verdienen. Gleichzeitig hat die digitale Welt den Wettbewerb exponentiell wachsen lassen. Alles und in diesem Fall ist das Wort angemessen, ist nur einen Klick weit entfernt. Von der neuesten Nachricht über die Finanzkrise bis hin zu einer präzisen Definition des Wortes “Altruismus”. Von dem neuesten Hit bis zur wissenschaftlichen Begründung der “schöpferischen Zerstörung”.

Was passiert eigentlich, wenn man auf einmal Dinge “beamen” kann? Was passiert, wenn eine Zeitung nur noch auf den Inhalt reduziert wird? Was passiert wenn man nicht mehr schön geordnet im Wettbewerb mit seinen Wettbewerbern ist, sondern auch mit allen anderen?

Aus fest wird flüssig.

Die Welt verändert sich. Sie verändert in vielen Bereichen ihren Aggregatzustand: Aus fest wird flüssig.Wenn die Leistung nicht mehr darin besteht eine Anzeige in einer Zeitung zu einem Kunden zu transportieren, wird die Anzeige nicht mehr so relevant und damit so teuer sein. Das merken die Zeitungsverlage. Wenn Musik auf einmal in Songs zu 99 Cent verkauft wird und nicht mehr in einem Bündel namens CD oder Schallplatte ändert sich die Wertschöpfung.

Die Objekthaftigkeit der Vergangenheit hatte einen großen Anteil an den Modellen Geld zu verdienen und auskömmlich wirtschaften zu können. Wenn das Ding an sich, der Ort an dem es sich befindet und seine Reproduktionsfähigkeit keine monetäre Rolle mehr spielt, ist alles immer jetzt. Da.

Ein Traum für den Konsumenten. Aber ein Albtraum für den Produzenten. Denn die Objekte haben den Menschen physisch und ohne Worte klar gemacht, wie das Geschäftsmodell funktioniert: Haben oder nicht haben. Etwas in die Hand nehmen und aus dem Laden rennen war und ist verboten. Etwas in die Hand zu nehmen und zu spüren hat einen Wert an sich. Die LP mit dem Cover, die CD mit dem Booklet, die Zeitung im Kaffeehaus oder das Buch in der Hand.

Wer sich in einem Markt der befindet, der gerade im Begriff seine Produkte gerade zu virtualisieren, wie etwa der Verlagsbranche, kann nur noch in einer Richtung agieren: Qualität und Produktinnovation speziell für den digitalen Raum. Es geht darum einen spürbaren Unterschied zu den Wettbewerbern zu erzeugen. Nichts ist mehr wie es war. Denn die Objekte der Gegenwart und die der Zukunft unterscheiden sich nicht mehr dadurch, wo sie sich gerade befinden. Sie sind immer verfügbar. Insofern kann die Logistik keine Rolle mehr spielen.

Wer tagesaktuelle Nachrichten in einer gedruckten Zeitung verkauft hat und beispielsweise auf die Agenturmeldungen für den überregionalen Mantel der Zeitung gesetzt hat, muss sich etwas neues einfallen lassen. Nachrichten sind durch den Wegfall der Logistik nichts besonderes mehr. Es gibt genug Quellen für hochaktuelle Informationen, angefangen bei Google News. Wer überleben will, muss das Produkt vollkommen neu denken und herausfinden, mit welchen Inhalten er seine Kunden im Netz zu überzeugen sind.

Egal in welchem Bereich man digital unterwegs ist: auch wenn der Geruch und die Haptik bei den Geräten der heutigen Zeit noch zu wünschen lässt — mit einer App für ein iPhone verformt man das Objekt iPhone zu etwas völlig neuem. Man macht aus dem Metaobjekt Smartphone eine konkrete Ableitung: ein Buch, ein Spiel oder einen Bankschalter. Da eine App in der Regel nur eine Sache richtig gut macht, ist sie einem klassischen, veritablen Objekt sehr ebenbürtig.

Das Prinzip App ist deshalb auch kaufmännisch so erfolgreich, weil es dem früheren Ding am nächsten kommt. Digital fühlt sich eine App wie ein Ding an. Es hat oft eine klare Aufgabe, es ist in einem klaren Rahmen und funktioniert immer gleich. Eine App ist ein digitales Ding und bedient damit die Jahrtausende alte Erfahrung der Menschen. Man kann es haben oder nicht haben — also laden oder nicht laden. Man benutzt es oft wie ein Objekt, denn das Gerät auf dem die App läuft, gibt für die Laufzeit seine Eigenschaften an die App ab. Die Größe des Bildschirms, die Tasten die in der App zur Navigation dienen, oder die Sensoren des Gerätes.

Während sich auf der einen Seite die Dinge verflüssigen und in einem immer währenden “Jetzt-Raum” masselos umherschwirren, sind mit den Apps auf Smartphones oder Tabletts neue Objekte entstanden, die zwar ebenso virtuell sind, jedoch zumindest entfernt an die Objekte von früher erinnern.

Aber Apps allein sind keine Lösung für die Herausforderungen der digitalen Zeit, sie sind nur eine Hülle, die gefüllt werden muss.

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