Über digitale Identitäten!

by Dirk Beckmann. Average Reading Time: about 3 minutes.

Wer bin ich? Wer will ich sein?

Diese Fragen beschäftigen Menschen seit Jahrhunderten. Heute können diese Fragen von vierzehnjährigen in ein paar Klicks beantwortet werden – freilich ohne abschließend im Sinne einer Sinn- oder Selbstsuche. Sie machen sich Konten auf üblichen und unüblichen Social Networks oder neudeutsch Communities und schaffen sich ihr Alterego im Netz. Doch während die Techniker noch darüber nachdenken, wie man all die Community Logins zentral verwalten kann, sind die Vierzehnjährigen schon viel weiter. Sie wolle kein “Single Sign On” oder gar eine “Meta Community”, in der ihr Content automatisch in das jeweilige Netzwerk distribuiert wird, sagte eine Teilnehmerin einer Fokusgruppe, die wir* jüngst für ein Projekt abgehalten haben, sie habe die 3-5 Konten mit ABSICHT. Den ihr Identitätsmanagement erfordert verschiedenen und nicht mit einander verknüpfte Konten in verschiedenen Netzwerken. So nutzt sie SchülerVZ eher für die Pflege der veritablen, echten Kontakte, die man jeden Tag in der Schule trifft. Dort heißt sie auch so, wie sie heißt, sagt sie, denn es ist affig sich hier einen abgefahrenen Namen zuzulegen. Ganz anders sieht es dann schon mit der großen, faszinierenden Identität auf dem amerikanisch geprägten MySpace aus: hier gibt eine künstlerische, Startidentität und es geht vor allem ums posen.

Zeige mir deine verlinkten YouTube Videos auf Myspace, bebo oder anderen Netzwerken und ich sage dir wer Du bist. Welche Freunde dich adden (mit sich verknüpfen) sagt mehr als jedes Lieblingslied. Gerade die Menge an Anerkennung, die über die Freunde-Funktionen der Netzwerke gezählt wird, sagt eine Menge über die Popularität des Users aus. Denn so wie im echten Leben bedeutet eine große Menge von Abonnenten ein große potentielle Aufmerksamkeit für was auch immer. Die Tatsache an sich ist relevant, womit die Aufmerksamkeit genutzt wird, erscheint erst auf den zweiten Blick wichtig. Soziale Anerkennung oder Respekt sind zählbar geworden.

Doch es sind nicht zwei Identitäten, die junge Menschen heute pflegen, sondern viel mehr. Angefangen bei Chat Avataren, über kreative Nicknames für Webtools bis hin zum individuellem Styling des Blogs oder des Social Network Kontos, digitale Identität hat heute viele Facetten und seine eigene Sprache. Ein Zwölfjähriger publiziert regelmäßig auf seinem Blog die Abkürzung, die man in World of Warcraft benutzt – ein Service für Newbies (Neue), die sich sonst nur schwer im spieleigenen Chat unterhalten könnten, die diesen Blog rege nutzen, da sie in Google die entsprechenden Abkürzungen und Worte eintippen und recht schnell auf den Blog stoßen. Identität ist hat einen fragmentierten Code, den zu beherrschen die erste und wichtigste Vorraussetzung für das erfolgreiche eigene Identity Management ist.

So herrschen in fast allen digitalen Gemeinschaften eigene Regeln, ob im guten alten Forum, oder in der neuesten Kochcommunity. Die Regeln oder die jeweilige Kultur zu erkennen, und sich danach zu verhalten, sich innerhalb digitalen Mircosysteme zu positionieren und seine Identität zu kreieren erfordert neue Kulturtechniken, die nichts mehr mit dem verstaubten Begriff Medienkompetenz zu tun haben. Studienobjekt war hier für einige Zeit Twitter. Viele Menschen “zwitschern” täglich mehrmals, das heißt sie schreiben ihren aktuellen Status in ein einfaches System. Deren Freunde lesen es dann und sind verbunden. So schreiben heute ehemalige Starblogger mehr in twitter, als in irgendein anderes allgemein verfügbares Medium. Für manche hat twitter den langsameren Blog schon abgelöst. Und nicht alles ist sinnfrei auf twitter. So werden dort durchaus Dialoge geführt und am Ende sieht man, es ist nichts anderes, als ein großer Chatraum.

Doch etwas ist anders, denn wie und was getwittert wird ist Teil der Identität des Absenders. Es gibt lustige oder intime Schreiber, es gibt Anthropologen und die Wortkünstler – alle schaffen sich hier eine Identität und die permanente Verbindung mit den Freunden.

Oft genug haben wir uns gefragt, wer die ganzen Communities denn mit Content füllen soll, wenn denn erst einmal alle da sind. Doch die Antwort scheint auf der Hand zu liegen. Diesmal wird kein Google mit einer technisch ausgereifteren Lösung den Markt der Netzwerke irgendwann bereinigen, sondern die Bereitschaft mehrere Identitäten zu pflegen wird dazu führen, dass es zahlose Spezialnetzwerke schaffen können genug User zu finden, deren Aufmerksamkeit sie dann verkaufen können.

(Diese und vielen andere Sichtweisen werden auf dem Identity Camp am 7.+8.6. in Bremen an der HFK diskutiert)

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